Virginia Satir

Virginia SatirVirginia Satir

* 26. Juni 1916, Neillsville, Wisconsin (USA)
† 10. September 1988, Kalifornien (USA)

war eine der bedeutendsten Familientherapeuten. Oft wird sie auch als Mutter der Familientherapie bezeichnet.

 

Noch heute orientieren sich viele Therapeuten an Virginia Satirs wegweisenden Aussagen zur Familientherapie. Psychische Probleme von Klienten werden innerhalb der Familientherapie nicht isoliert gesehen, sondern das Verhalten aller Familienmitglieder wird in die Betrachtung mit einbezogen. Durch Gespräche, „Familienaufstellungen“ und eine Vielzahl kreativer Methoden kann dabei erreicht werden, allmählich die inneren Prozesse der Familie zu verstehen. Verborgene Strukturen und Bindungen werden erfahrbar. Das Geflecht der Beziehungen wird Stück für Stück entwirrt, so dass Verstrickungen gelöst werden können.

Die Systemische Familientherapie geht davon aus, dass bei den Mitgliedern einer Familie und in der Familie als Ganzes »Selbstheilungskräfte« vorhanden sind, die in der Therapie mobilisiert werden können. Somit wird es der Familie möglich, einen Großteil ihrer Probleme ohne beständige therapeutische Unterstützung zu lösen. In den ersten 50 Jahren des 20. Jahrhunderts und sogar zum Teil bis heute war Psychotherapie eine Angelegenheit zwischen zwei Personen: Therapeut/in und Klient/in. Die Abstinenzregeln waren sehr streng, so dass es über lange Zeit kein Therapeut gewagt hätte, überhaupt Verwandte eines Klienten für ein gemeinsames Gespräch zu treffen. Neben anderen war Virginia Satir wichtig bei der Herausbildung des sogenannten Entwicklungsorientierten oder erlebniszentrierten Ansatzes in der Psychotherapie. Konzepte aus dieser Richtung orientieren sich an der Humanistischen Psychologie, einem optimistischen Modell des Menschen und der Menschheit selbst: Die Vorstellung, dass der Mensch von Grund auf gut sei und in der Lage, die Schwierigkeiten des Lebens in einer Weise zu bewältigen, die auf Respekt und Liebe basiert, wenn der Betreffende die Möglichkeit hat, sich wirklich frei zu entscheiden.

In ihrem therapeutischen Ansatz ist der Selbstwert einer Person der Schlüssel aller Phänomene unseres geistigen und sozialen Lebens. Eine Person, die gelernt hat, sich wertzuschätzen, wird in der Lage sein, kongruent und klar zu kommunizieren und alle Probleme mit Respekt für die Freiheit des jeweils anderen zu lösen. Therapie wird in diesem Konzept gesehen als eine Möglichkeit, Menschen zu helfen, einen stabilen Selbstwert zu entwickeln, so dass sie es wagen können, ihre „wahren ‚Ja’s und wahren ‚Nein’s“ zu sagen; das bedeutet, zu sagen, was sie wirklich meinen und wollen, und nicht das zu sagen, von dem sie denken, dass es von ihnen erwartet werde.

Familienskulptur – Familienrekonstruktion – Aufstellungen für Familien

Die Familienskulptur ist eine von Virginia Satir entwickelte Technik in der Familientherapie. Klienten entwickeln dabei ein systemisches Verständnis über sich selbst, die Beziehungen zu anderen Menschen und über ihre Familienkonstellation. Beziehungen und Verhalten von Familienmitgliedern zueinander werden symbolisch dargestellt. Die „Familienskulpturen“ sind als Familienrekonstruktion ein Bestandteil der Ausbildung von Familientherapeuten. Indem man seine Herkunftsfamilie stellt, werden unsichtbare Bindungen und „festgefahrene“ Kommunikationsabläufe sichtbar. Beziehungskonflikte und krankmachende Bindungen können erkannt und gelöst werden.

Die Familienskulptur ist von der äußeren Form her leicht zu verwechseln mit dem „Familienstellen“ nach Bert Hellinger. Beide Arbeitsweisen unterscheiden sich jedoch sowohl im Vorgehen wie auch in den Grundannahmen. Vor allem Hellingers Annahme natürlicher Rangfolgen, zum Beispiel nach dem Alter (in den „Ordnungen der Liebe“) deckt sich nicht mit Satirs Annahmen.

Der Ansatz von Satir – Selbstwert und Nutzen des Grundpotentials

Virginia Satirs Anliegen war es, Menschen ihre Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie ihr „Grundpotential“ nutzen konnten, und Wachstum und Frieden zu fördern.

„Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Beziehung“ (Virginia Satir)

Menschliche Freiheiten

Ihre Grundhaltung drückte sie in den „Fünf Freiheiten“ aus, zu denen sie ihren Patienten verhelfen wollte:

  • Die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist,
    anstatt das, was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
  • Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke,
    und nicht das, was von mir erwartet wird.
  • Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen,
    und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
  • Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche,
    anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
  • Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen,
    anstatt immer nur auf „Nummer sicher zu gehen“ und nichts Neues zu wagen.

Kommunikationshaltungen

Virginia Satir hat sich intensiv der Kommunikation innerhalb der Familie gewidmet. Das von ihr entwickelte Kommunikations-Modell kennt vier sich negativ auswirkende Kommunikationsarten]:

Beschwichtigen

  • Ich mach‘ immer alles falsch.  Dazugehöriges Gefühl:
    – Ich muss jeden glücklich machen, damit er mich liebt.

Anklagen

  • Du machst nie etwas richtig. Dazugehöriges Gefühl:
    – Niemand schert sich um mich. Solange ich nicht herumbrülle, tut sowieso niemand etwas.

Rationalisieren

  • Dazugehöriges Gefühl:
    – Ich muss den Leuten zeigen, wie klug ich bin. Logik und gute Gedanken sind das einzig Wahre.

Ablenken

  • Dazugehöriges Gefühl:
    – Ich werde schon die Aufmerksamkeit bekommen, egal, wie extrem ich mich dafür aufführen muss.

Diese Kommunikationshaltungen sind laut Satir in jedem System zu finden. Sie werden zunächst meist negativ erlebt. In der entwicklungsorientierten systemischen Arbeit wird alles als Ressourcen gesehen. Auch dieser Kommunikationshaltungen werden durch Reframing in positive Chancen gewandelt:

  • Beschwichtigen
    ist ein Versuch zur Herstellung von gegenseitigem Verständnis und Harmonie. Der Beschwichtiger ist in Kontakt mit allen anderen Teilen des Systems.
  • Anklagen
    der Ankläger hat den Überblick über die Situation und zeigt auf den aktuellen Konfliktträger.
  • Rationalisieren
    der Rationalisierer versucht das zumeist hochemotionale Geschehen auf eine Metaebene zu heben um so Zugang zu logischen Lösungen zu schaffen.
  • Ablenken
    der Ablenker ist der Symptomträger des Systems und zeigt: Hier stimmt was nicht.

Einflüsse auf andere Formen der Psychotherapie

Die systemische Arbeit von Virginia Satir wurde intensiv von Richard Bandler und John Grinder studiert und für eine der drei grundlegenden Modelle im NLP eingesetzt.

Übungen aus dem Psychodrama von Moreno und das systemische Bewusstsein, das Fritz Perls durch Virginia Satir am Esalen-Institut kennenlernte, wurden wichtige Bausteine der Gestalttherapie und damit auch der Integrative Body Psychotherapy.

Die systemische Therapie von Virginia Satir ist als Szenario in die Integrative Body Psychotherapy von Jack Lee Rosenberg eingegangen. Das Ursprungszenario wird dazu verwendet, das Geschehen in der Familie zum Zeitpunkt der Geburt aufzustellen. Damit lassen sich „prägende Dynamiken“ und „geheime Themen“ (Secret Themes) und Tabus erkennen, die für die Persönlichkeitsentwicklung von Bedeutung sind. IBP legt als Form der Körperpsychotherapie besonderes Gewicht auf die Aufnahme des körperlichen Geschehens im Szenario und in der weiteren Entwicklung. Als einzige Form der Körperpsychotherapie verwendet IBP den systemischen Ansatz von Virginia Satir auch für den Aufbau von Ressourcen.

Die systemische Therapie von Virginia Satir hat Bert Hellinger in der Entwicklung des „Familienstellens“ beeinflusst.

1963 war Virginia Satir eine der ersten Lehrkräfte am Esalen-Institute (Human Potential Movement) in Kalifornien, U.S.A., wo sie mit Moshe Feldenkrais, Randolphe Stone (Polarity Therapy), Jakob L. Moreno (Psychodrama), Fritz Perls und Paul Goodman (Gestalttherapie), Milton Trager, und Alexander Lowen (Bioenergetische Analyse) zusammentraf.

In der Familienrekonstruktion nutzte Virginia Satir auch die damals bekannten Rollenspielmethoden aus Psychodrama und Gestalttherapie. Ihre Arbeit und jene von Jakob L. Moreno einerseits, Fritz & Laura Perls andererseits haben sich gegenseitig beeinflusst.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Satir